Zum Wetzlar Kurier 03/17: “Die CDU hat Angst”

Zum Wetzlar Kurier 03/17: “Die CDU hat Angst”

Am vergangenen Donnerstag erschien die monatliche Ausgabe des „Wetzlar Kurier“

Hinter diesem unverfänglichen Namen verbirgt sich die werbefinanzierte Wurfzeitung des CDU-Landtagsabgeordneten und aktuellen Bundestagskandidaten für den Wahlkreis 172 (Lahn-Dill-Kreis, Biebertal, Wettenberg) Hans-Jürgen Irmer. Die Titelseite summierte unter der Schlagzeile „Die SPD auf den Marsch in eine andere Republik“ vier verschiedene Kurznachrichten, die sich mit unterschiedlichen Positionen von SPD-Politiker*innen befassen.

Die Aussage von Martin Schulz wird dabei völlig aus dem Kontext gerissen. Hört man sich die gesamte Passage seiner Rede an, aus der das Zitat entnommen ist, versteht man seine Aussage:

“Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold… Es ist der unbeirrbare Glaube an den Traum von Europa. Ein Traum, der uns irgendwann verloren gegangen ist.”

In diesem Zusammenhang schlägt er beispielsweise vor, mehr Kompetenzen auf die nationale, regionale oder kommunale Politikebene zu verlagern, um sie zurück zu den Menschen zu holen.

 

Zur Bewältigung der Flüchtlingssituation bedürfe es aber auch einer gemeinsamen europäischen Lösung mit den entsprechenden Kompetenzen auf europäischer Ebene statt nationaler Alleingänge. Eben solche führen dazu, dass wenige Länder die Folgen alleine bewältigen müssen.

Diese kritischen und konstruktiven Ansätze verschweigt der Wetzlar Kurier.

 

Dem charismatischen SPD-Spitzenkandidaten die gehasste Zuwanderung anzulasten, ist wesentlich einfacher, als anzusprechen, dass das CDU-geführte Bundesinnenministerium sich immer wieder aufs Neue mit Inkompetenz und Unwille selbst übertrifft, die Aufnahme geflüchteter Menschen verträglich zu gestalten.

 

 

Die SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks möchte Fisch und Fleischprodukte verbieten…

…Als Gastgeberin bei Empfängen im Umweltministerium.

Dieser Umstand könnte schlimmstenfalls den Autor des Artikels persönlich betreffen, falls er jemals mit einer Einladung in das Bundesumweltministerium rechnen sollte. Eine generelle Ablehnung dieser Forderung erscheint hingegen nicht plausibel. Statt „Bevormundung“ möchte die Bundesumweltministerin lokale Erzeuger*innen fördern und den Umland-Bauernhof gegenüber importierten Chlorhühnchen vorziehen. Die Umsetzung der Idee zielt darauf ab, als gutes Vorbild in Hinblick auf die Reduzierung des Fleischkonsums voranzugehen.

Auch dieser Umstand stößt bei Herrn Irmer offenbar auf Unverständnis. Der Draht zur örtlichen Landwirtschaft im Lahn-Dill-Kreis scheint hier gänzlich verloren gegangen zu sein, wenn das Fleisch vom Discounter in den Augen des Unionspolitikers dem Erzeugnis des lokalen Bauern vorgezogen werden sollte.

 

Flankiert werden die aus dem Kontext gerissenen Zitate des politischen Gegners (SPD), der aus Sicht der CDU beängstigend erstarkt ist, von der gefälligen Selbstdarstellung Irmers:

Zum einen sieht er sich als Wahrer der inneren Sicherheit wenn es darum geht, auf Veranstaltungen der „Bürgerinitiative“ Pro Polizei e.V., der er selbst vorsitzt, präsent zu sein. Zum anderen scheint es mit der Wertschätzung für die hessische Polizei nicht so weit her zu sein, da er als Teil der schwarz-grünen Landesregierung durchaus dafür sorgen könnte, die adäquate Bezahlung und Einstellung weiterer Polizist*innen zum Abbau der siebenstelligen Überstundenzahl voranzubringen. Hier lässt er seinen Worten jedoch keine Taten folgen.

 

Auf der letzten Seite des Blatts findet sich eine halbseitige Anzeige des sektiererischen KOPP-Verlages, der seit Jahren mit pseudowissenschaftlichen Thesen über historische Unwahrheiten, die „Asylindustrie“ oder gar UFO-Sichtungen von sich hören lässt. Zudem fügt sich der Verlag mit seinen „alternativen Fakten“ hervorragend in die Rhetorik des Gesamtpamphlets „Wetzlar Kurier“.

Bereits in der Vergangenheit wurden regelmäßig Anzeigen des vom Verfassungsschutz als „rechtsextremistisch“ eingestuften Vereins „Die deutschen Konservativen e. V.“ inseriert, die vor den „schlimmen, roten Fundamentalisten“ aufseiten der Grünen warnten.

 

 

Der Wetzlar Kurier kann auch in diesem Monat nicht überraschen, ist er doch traditionell tendenziös und in seiner Argumentation völlig beliebig. Doch eines mag den geneigten Leser*innen aufgefallen sein, die die Titelseite auf den wenigen Metern zwischen Zeitungsrolle und Altpapiertonne gelegentlich überflogen haben:

Die CDU hat Angst. Nach langen Zeiten der Höhenflüge erntet die CDU in den Umfragen den Lohn für die traurige Gestalt, die sie seit Beginn in der Großen Koalition abgibt. Auf Seiten der SPD hat sich jedoch ein authentischer, bodenständiger und sympathischer Kandidat Schulz angeschickt Frau Merkel die leidige Kanzlerschaft abzunehmen und das Amt mit frischem Wind und neuer Energie zu füllen. Dem „Schulzzug“ kann die Union weder personell noch inhaltlich etwas entgegenstellen und fürchtet nun, überrollt zu werden. Mit dieser Verzweiflung in den Augen wird, selbst für CDU-Verhältnisse überraschend früh, in die untersten Schubladen gegriffen.

 

Diesen Artikel teilen: Facebook Twitter Pinterest Google Plus StumbleUpon Reddit RSS Email

Comments are closed.